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Die Geschichte eines ungeliebten Hundes

Ich öffne die Augen. Ich sehe nichts. Es ist dunkel. Wo bin ich? Die Luft ist dick. Es ist eng. Überall sind Hunde, zu viele Hunde. Ich sehe sie nicht wegen der Dunkelheit, doch ich kann sie riechen und hören. Einige bellen laut, andere winseln leise vor sich hin.
Warum bin ich hier? Ich habe doch ein Zuhause. Ein Haus, wo ich mich frei bewegen darf. Einen Garten, wo ich in der letzten Zeit oft im grünen Gras gelegen habe. Doch nun bin ich wieder in diesem finsteren Raum. Es kommt mir hier bekannt vor. Ja, ich erinnere mich, ich war hier schon mal, und zwar viel zu lange. Es ist nun schon eine Weile her…

Angst steigt in mir auf. Ich fange an zu wimmern. Schließlich kann ich nicht anders, als nur noch laut zu schreien. Da plötzlich,  eine Stimme. Weit entfernt, aber ich kann sie dennoch deutlich hören: „Bobby, Bobby, mein kleiner Fuchs. “ Ich drehe mich um, will nur noch wegrennen… – Da spüre ich Frauchens Hand an meiner Schulter. 

Ich habe geträumt…

Ich bin nicht in dem dunkeln Raum von früher, sondern in meinem Hundebett. Frauchen sitzt bei mir. Erleichtert lege ich meinen Kopf an Ihre Brust und lasse mich von ihr kraulen. „Alles gut“, höre ich sie mit ruhiger Stimme sagen, „schlaf Jetzt weiter. “
Doch ich möchte jetzt nicht allein in meinem Hundebett liegen. Ich springe zu Frauchen ins Bett und schmiege mich an sie. Jetzt kann mir nichts mehr passieren und ich falle in einen ruhigen tiefen Schlaf. Bis Frauchen mich am nächsten Morgen weckt.

Es ist alles wie immer. Frauchen macht das Frühstück für die Zweibeiner und für uns. Herrchen nimmt mich und Rica mit zur ersten Gassirunde. Es ist schönes Wetter an diesem Morgen, und es gibt reichlich zu schnüffeln. Drinnen warten gefüllte Näpfe auf Rica und mich. Das Leben kann so schön sein!

Nach dem Frühstück sind die Menschen erst einmal eine ganze Weile nicht gesehen. Während Rica es sich schon wieder auf dem Sofa bequem gemacht hat und genüsslich schnarcht, liege ich in meinem Hundebett und döse vor mich hin…

Bobby in seinem geliebten Hundebett

Bobby in seinem geliebten Hundebett

Mein Leben als Straßenhund

Ich kam auf die Welt in einem Land, in dem die meisten Hunde auf der Straße leben. So bin auch ich zwischen Mülltonnen, parkenden Autos und in Hinterhöfen groß geworden. Schon früh musste ich lernen, mich durchzusetzen, damit ich überleben konnte. Auf der Straße gilt das Recht des Stärkeren. Wenn du nicht kämpfst, bekommst du auch nichts zu fressen und gehst irgendwann elendig zugrunde. Den meisten Menschen waren wir Hunde egal. Sie scherten sich nicht um uns. Einige überließen uns ihre Essensreste, bei vielen reichte jedoch das, was sie hatten gerade mal für sie selbst aus.

Ich arrangierte mich mit diesem Leben, wie die meisten meiner Artgenossen es auch taten. Wir kannten ja nichts anderes. Wir taten uns in Gruppen zusammen, um nach Futter zu suchen. Wir lieferten uns auch manchmal Kloppereien mit anderen Hundegruppen. Aber da war auch Sehnsucht nach Liebe. Wie viele Hundebabys wohl durch mich entstanden sind…? Wir waren Wind und Wetter ausgesetzt. Im Sommer wurde es sehr heiß, im Winter oft extrem kalt. Alles das konnten wir aushalten. Die Zeit verging, ein Tag nach dem anderen. Ich weiß nicht wie lange. Ich weiß nur, dass sich mit einmal alles änderte.

Nur ein toter Hund ist ein guter Hund

Wir Hunde können besonders gut wahrnehmen, was um uns herum passiert. So spürte ich, dass etwas in der Luft lag. Etwas Unheimliches, etwas Schreckliches….
Plötzlich machten viele Menschen Jagd auf uns Hunde. Egal wo meine Kumpels und ich uns aufhielten, wir wurden verscheucht. Nach uns wurde mit Steinen oder anderen Gegenständen geworfen, einige Hunde wurden einfach von Autos angefahren, und niemanden hat’s interessiert.

Doch das war erst der Anfang, denn es sollte noch viel schlimmer kommen. Von einem Tag auf den anderen fuhren ständig große Fahrzeuge herum, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Diese Riesen-Autos brachten Unheil. Ich habe es einmal mit angesehen: Zwei Männer stiegen aus dem Wagen und jagten Hunde. Sämtliche meiner Artgenossen, die sie erwischen konnten, wurden eingefangen. Jedem Hund wurde eine Drahtschlinge fest um den Hals gelegt. Ich hörte ihre Schreie. Sie verfolgen mich manchmal noch heute. Ich konnte nichts tun, außer mich selber in Sicherheit zu bringen. Von einem der Männer vernahm ich das Wort Tötungsstation. Daraufhin rannte ich, so schnell ich konnte. Die anderen Hunde sah ich nie wieder…

Es wurden immer weniger Hunde auf den Straßen, und so verbrachte ich die meiste Zeit allein. Ein langweiliges und trostloses Leben. Außerdem war da immer die Angst, von bösen Menschen eingefangen zu werden, so wie es vielen meiner Kumpels passiert war.
Doch wenn man allein ist, haben Angreifer es leichter, und so traf es eines Tages auch mich.
Es war schon dunkel. Ich war müde, wollte ein bisschen schlafen und war deshalb wohl nicht aufmerksam genug. Ich weiß nicht mehr genau, was geschah. Plötzlich hörte ich Menschen grölen, dann spürte ich Schmerzen, immer wieder und immer wieder. Diese Bösen Leute haben mir ganz doll weh getan! Sicher habe ich mich versucht zu wehren, aber sie waren mehrere und deshalb einfach stärker. Ich bin doch nur ein kleiner Hund! Warum…? – Warum nur…? – Warum seid ihr Menschen so böse zu uns? Wir haben euch doch nichts getan!
Die Schmerzen wurden immer schlimmer und ich immer schwächer. Aus meinem anfänglichen Knurren und schreien wurde nur noch ein leises Wimmern. Schließlich wurde es still um mich herum…

früherer Straßenhund

Narben in Bobbys Gesicht erinnern an schwere Zeiten

Als ich wieder zu mir kam, waren immer noch Menschen um mich herum. Doch es waren andere Menschen. Ich hatte überall Wunden und ein Mann sah sie sich besorgt an. Ich weiß nicht mehr, was die Leute dann mit mir anstellten. Aber schließlich wurde ich in den Raum gebracht, den ich in meinem Alptraum gesehen habe.

Meine Reise ins Glück

Die Verletzungen an meinem Körper verheilten. Doch was blieb, war eine verletzte Hundeseele. Ich konnte keinem Menschen mehr trauen und wollte mich schon gar nicht anfassen lassen, obwohl die Menschen, die an diesem Ort waren es gut mit uns meinten. Sie versorgten uns mit Futter und Wasser,  kümmerten sich so gut es ging um uns. Doch ich hatte mich schon aufgegeben und damit abgefunden, dass ich an diesem Ort wohl sterben muss. 

Es war ein Tag wie jeder andere. Der Mann, der uns immer Futter brachte, kam zu uns. Doch wider Erwarten gab es kein Futter, sondern er holte einen nach dem anderen von uns heraus. Diesmal war ich auch dabei. Draußen standen große Boxen und wieder so ein großes Fahrzeug, wie ich sie schon fürchten gelernt hatte. Ich hatte so eine Angst, wusste gar nicht, wie mir geschah. Da saß ich auch schon in einer dieser Boxen, die dann verschlossen wurde. Ich war gefangen, wurde mit samt der Box in das Auto geladen. Ich zitterte und schrie vor Angst. Irgendwann fuhr das Auto mit mir und noch einigen anderen Hunden darin vom Hof. An mehr kann ich mich nicht mehr erinnern.

Als ich wieder wach wurde, war ich in einer völlig fremden Umgebung. Es waren auch Hunde da, das hörte und roch ich sofort. Doch es war hell. Ich hatte Platz für mich allein, konnte aber zu anderen Hunden gehen, wenn ich wollte. Ein Wasser- und ein Futternapf stand da. Beide waren gefüllt. Da spürte ich plötzlich, dass ich einen Riesenhunger hatte. Ich machte mich über das Futter her. Ich hatte alles verschlungen.
Da war auch noch so ein großes Stoffteil, was ich vorher noch nie gesehen hatte. Nach dem Fressen war ich müde und legte mich einfach darauf. Es war so angenehm! Später erfuhr ich, dass die Menschen zu solchen Stoffteilen Hundebett sagen.

Sollte für mich etwa doch noch alles gut werden? Ich lebte nun eine ganze Zeit lang an diesem Ort. Auch hier waren Menschen, aber sie waren ganz anders. Sie sprachen eine andere Sprache. Doch einzelne, für mich wichtige Wörter, lernte ich schnell. Ja, mir ging es gut dort, es wurde sich mit mir beschäftigt, ich hatte Hundekumpels, und ich fasste wieder ganz langsam Vertrauen zu den Menschen.

Mein zweites Leben

Schließlich kam der Tag, der noch einmal Veränderung für mich bringen sollte. Vor dem Zaun des Freilaufgeheges, in dem ich mich aufhielt, standen ein Mann und eine Frau. Neugierig lief ich zu ihnen hin und begrüßte sie. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie mochte ich diese Leute. Es dauerte auch nicht lange, und die beiden Menschen kamen zu mir. Doch da war sie wieder, meine Angst. Jedenfalls ließ ich mich von ihnen nicht anfassen. Ich wollte einerseits zu ihnen, wollte gestreichelt werden, doch die Angst war einfach stärker. Die beiden gaben jedoch nicht auf und schließlich ließ ich es zu, dass die Frau ihre Hand an meine Schulter legte. „Hey, kleiner Mann“, vernahm ich ihre Stimme,  und ihre Berührung war angenehm. Schließlich ließ ich zu, dass sie mich streichelte. Und …- es war so schön, gestreichelt zu werden. So schön, dass ich sogar meinen Kopf an ihre Brust legte. Das tue ich übrigens immer noch gern.

Die beiden besuchten mich einige Male, und dann kam der Tag, an dem sie mich mit zu sich nahmen. Ein Haus mit einem Garten und viel Platz für mich. Hier sollte ich nun leben. Ich konnte es kaum glauben. Ich hatte einen eigenen Futternapf, der regelmäßig gefüllt wurde. Die Menschen gingen regelmäßig mit mir raus. Rica, die schon länger hier wohnte war auch nett zu mir. Auch wenn sie es am Anfang nicht verstand, warum nun ein zweiter Hund da ist.

Bobby ist heute ein glücklicher Hund

Doch gerade am Anfang machte ich es meinen Zweibeinern nicht immer leicht. Die Angst vor Menschen und davor, angefasst zu werden, konnte ich nun mal nicht einfach so ablegen. Doch Frauchen sagt immer, dass ich deutliche Fortschritte mache, und vielleicht kann ich eines Tages meine schlimmen Erlebnisse vergessen.

„Ausgehen!“ – Ich schrecke hoch. Da habe ich doch tatsächlich ein bisschen geschlafen. Doch nun ist da Frauchens Stimme. Sie klingt fröhlich. Frauchen ist gut drauf, was meistens heißt, dass nun wieder ein langer schöner Spaziergang auf Rica und mich wartet. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber so schön kann das Leben sein! Auch wenn ich nicht mehr ganz der Jüngste bin, so möchte ich noch möglichst lange hier bei meinen Menschen bleiben. Was ich hier wirklich erfahre, ist Liebe. Diese Liebe hilft mir, mehr und mehr, mein früheres Leben hinter mir zu lassen…

 


Bobby hat lange Zeit als Straßenhund in Rumänien gelebt. Er wurde von einem rumänischen Tierschützer aufgegriffen und zusammen mit anderen Straßenhunden in einem ausgedienten Schweinestall untergebracht. Schließlich wurde er nach Deutschland geholt und im Tierheim des Hamburger Tierschutzvereins aufgenommen. Von dort haben wir ihn adoptiert.

 

 

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