2

Einmal Hundehimmel und zurück

Es war mitten in der Nacht, als ich das Zimmer betrat, unser Zimmer. Ich blieb unter dem Türrahmen stehen. Mein Blick fiel auf mein Hundebett. Noch die Nacht zuvor hatte ich darin gelegen, doch nun stand es leer.

Mein Blick schweifte nach links zu deinem Bett. Da lagst du, doch du schliefst nicht. Unruhig drehtest du dich von einer Seite zur anderen. Die Sorge um mich machte dir schwer zu schaffen.
Ich ging langsam zu dir. Es war schlimm für mich, dich so traurig zu sehen. Schließlich erreichte ich dein Bett: „Frauchen, ich bin bei dir. Du kannst mich nicht sehen, aber ich bin trotzdem hier.“ Ich stand vor deinem Bett und leckte dir übers Gesicht. „Mach dir keine Sorgen…“ Ach könntest du mich doch nur hören. Ich sah dich an. Du schienst etwas ruhiger geworden zu sein. Schließlich schliefst du ein. Ja, ich glaube, du hast gespürt, dass ich bei dir war.

Was war passiert?

Der Tag zuvor begann wie jeder andere. Doch bei unserer Mittagsrunde spürte ich, dass es mir gar nicht gut ging. Ihr, meine lieben Menschen, hattet das sofort mitbekommen. Doch ich konnte euch nicht sagen, was mit mir nicht stimmte.
Ich konnte nicht mehr richtig laufen. Das war das erste, was ihr gesehen hattet. Ihr dachtet, mein Bein wäre verletzt. Doch das war es nicht. Es war viel viel schlimmer.

Von Stunde zu Stunde ging es mir immer schlechter. Ich war so müde. Mein Körper fühlte sich nur noch wie eine leere Hülle an. Ich konnte nicht mehr laufen, lag nur noch da. Schließlich konnte ich nicht einmal mehr stehen.

Ihr wart aufgeregt, in voller Hektik. Im Eiltempo brachtet ihr mich weg. Frauchen hat mich während der Fahrt im Arm gehalten. Hier setzten meine Erinnerungen aus. Ich weiß nur, dass ich irgendwann auf einem silbernen Tisch lag. Dieser Tisch kam mir nur all zu bekannt vor und bedeutete nichts Gutes. Fremde Menschen waren um den Tisch versammelt. Auch sie waren in Hektik, haben mich an irgendwelche Apparate angeschlossen. Ihr wurdet aufgefordert, nun zu gehen. Ich wollte das nicht und versuchte mich aufzurichten. Doch ich hatte einfach keine Kraft mehr.

Rica

Rica am Tag ihres Zusammenbruchs

In diesem Moment passierte etwas Eigenartiges. Ich verspürte eine gewisse Leichtigkeit. Keine Schmerzen, keine Müdigkeit mehr. Ich sah mich selbst auf dem Untersuchungstisch liegen. Ich sah die Menschen, die sich an meinem leblosen Körper zu schaffen machten.

Meine Reise durch das Regenbogenland

Das Bild von meinem Körper und den Menschen um mich herum verschwamm immer mehr. Ich fand mich nun auf einer grünen Wiese wieder. Aber so eine Wiese hatte ich noch nie zuvor gesehen. Das Gras duftete so herrlich. Ich blieb eine ganze Weile stehen und schnüffelte. Als ich genug geschnüffelt hatte, schaute ich mich um. Vor mir war ein großer Regenbogen, der in den tollsten Farben erstrahlte.

Hundehimmel

So könnte der Hundehimmel aussehen

Ich fühlte mich gut. Diese unendliche Müdigkeit, das schwere Gefühl in meinen Knochen, sie waren verschwunden. Stattdessen war ich leicht wie eine Feder. Ja, ich schwebte…

Dann traf ich andere Hunde. Ich war also nicht allein. Als diese mich bemerkten, wurde ich von allen freudig begrüßt. Die Hunde taten das, was ihnen Spaß machte: einige schnüffelten im Gras, andere spielten miteinander und ein paar lagen einfach nur faul herum. Diese Hunde hatten alle eins gemeinsam: Sie waren glücklich, hatten keine Schmerzen, keine Krankheiten. Dies hier war ein Ort des Friedens.

Ich wurde weiter getragen und steuerte nun direkt auf den Regenbogen zu. Plötzlich stand ich vor einem großen goldenen Tor. Was hatte das zu bedeuten? Da öffnete sich die Pforte und ein Riese von einem Hund trat heraus. Ich bekam Angst beim Anblick seiner Größe, denn ich bin doch nur so klein. Aber ich konnte meine Augen auch nicht von seinem strahlend weißen Fell lassen.

Paulo der Himmelswächter

Auf einmal fielen mir meine Menschen wieder ein. Ich vermisste sie. Sie haben mich immer beschützt. Aber nun war ich allein.
Doch die Angst verschwand, als der große Hund mit tiefer Stimme zu sprechen begann:

„Liebste Rica, sei mir gegrüßt. Ich bin Paulo. Ich bewache den Eingang hier.“

„Wo bin ich hier, was hat das zu bedeuten?“

„Du hattest schlimme Schmerzen, du hast sehr leiden müssen. Das ist jetzt vorbei.“

„Was ist da drin?“ Ich versuchte hinter das Tor zu schauen. Doch Paulo war so groß, dass er mir die Sicht versperrte.
„Da drin, liebste Rica, ist der Hundehimmel. Hierher kommen alle Hunde, deren Zeit auf der Erde zu Ende gegangen ist.“ Es ist ein Ort ohne Leid, ohne Schmerzen und ohne Qualen.“

„Und warum stehen wir hier? Warum lässt du mich nicht rein?“

„Deine Zeit ist noch nicht gekommen.“

„Wie…was heißt das jetzt?“

Paulo leckte mir mit seiner großen roten Zunge über meinen Kopf und Nacken.
„Du wirst wieder zur Erde zurückkehren, denn du hast dort einen Auftrag zu erfüllen.“

„Ich verstehe nicht, was für einen Auftrag?“

„Denke doch mal an deine Menschen. Sie sind so traurig und machen sich große Sorgen um dich. Sie sind großartig. Du wirst ihnen noch lange viel Freude bereiten. Und irgendwann, wenn deine Zeit gekommen ist, sehen wir uns wieder.“

„Aber…, ich finde bestimmt den Weg nicht wieder zurück…“

„Doch, das wirst du, kleine Rica. Ich werde dich leiten.“

Ich überlegte, was ich Paulo, diesen riesengroßen lieben Himmelshund noch fragen könnte, als er mich aus meinen Gedanken riss:
„Es ist soweit. Kehre nun wieder auf die Erde zurück, und grüße deine Menschen von mir. Sie haben ein großes Herz für Hunde und all die anderen Tiere.“

Rückkehr zur Erde

Ich wollte noch etwas sagen, doch da war Paulo schon verschwunden. Das Tor war zu und nicht mehr in meiner Reichweite. Ich schwebte wieder.

Der Rückweg kam mir viel kürzer vor, als mein Aufstieg zum Hundehimmel. Meine lieben Menschen, ich war die ganze Zeit bei euch. Ich sah, wie ihr im Bett gelegen habt, wie Frauchen telefoniert hat und wie ihr beide unseren Spazierweg gegangen seid – ohne mich.

Als ich erwachte, war ich in einem fremden Raum. Doch ihr wart nicht da. Stattdessen waren da fremde Leute, die sich um mich kümmerten. Auch die Müdigkeit war wieder da. Was sollte ich denn jetzt hier? An mehr kann ich mich nicht erinnern. Ich muss wohl viel geschlafen haben.

Doch irgendwann betrat eine Frau den Raum. Sie nahm mich an die Leine und führte mich hinaus. Was würde jetzt passieren? Da, plötzlich…  – da wart ja ihr! Ihr glaubt gar nicht, wie ich mich gefreut habe. Doch ich konnte meine Freude gar nicht richtig zeigen. Ich war einfach noch zu schwach.

Ich durfte wieder mit nachhause. Doch ich war nicht mehr der Hund, den ihr einmal hattet. Ständig war ich müde, rennen konnte ich nicht mehr und lange Spaziergänge waren auch erst mal nicht möglich.
Ich musste lange Zeit irgendwelches eklige Zeug fressen. Medizin nanntet ihr das. Andauernd wart ihr mit mir beim Tierarzt und immer wurde mir Blut geklaut. Langsam ging es mir aber besser und irgendwann kam der Tag, an dem es hieß, dass ich diese ekligen Tabletten nicht mehr nehmen muss.

Und heute?

Ich habe kein Zeitgefühl, aber diese Geschichte ist für mich jetzt schon ganz lange her. Ich bin ein glücklicher Hund, fit wie ein Turnschuh und frech sowieso. Ab und zu muss ich nochmal zur Tierärztin und mich piksen lassen. „Wir müssen schauen, ob dein Blut in Ordnung ist.“ sagt Frauchen immer. Ich genieße mein Leben und möchte, dass es noch lange so bleibt.
Manchmal denke ich noch an Paulo und die anderen Hunde. Doch ich weiß, wenn ich ihn wieder sehe, werde ich dort bleiben und nie mehr zur Erde zurückkehren. Aber erst, wenn meine Zeit gekommen ist.


Hintergrund dieser Geschichte:

Rica erkrankte im Herbst 2014 an einer Blutarmut. Sie musste in der Tierklinik behandelt werden und schwebte in höchster Lebensgefahr. Die Ärzte dort taten alles um ihr Leben zu retten. Lange nach ihrem Aufenthalt in der Tierklinik mussten wir sie mit starken Medikamenten behandeln und regelmäßig untersuchen lassen.

Heute ist Rica nichts mehr von dieser schweren Zeit anzumerken. Es ist so, als hätte es diese Krankheit nie gegeben. Das freut uns natürlich, und wir wünschen uns, dass unsere geliebte Hündin uns noch lange begleiten wird. 

 

 

Nachfolgend kannst du einen Kommentar hinterlassen 2 Kommentare