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„Fass mich nicht an!“ Hunde mit Berührungsangst

Den Hund zu streicheln, mit ihm zu kuscheln, für die meisten von uns ist das selbstverständlich. Doch es gibt nicht wenige Hunde, die Berührungsangst haben und streicheln nicht als angenehm empfinden.

Ich habe so ein „Exemplar“ zuhause. In meinem heutigen Blogartikel schildere ich meine Erfahrungen und gebe dir Tipps für den Umgang mit einem berührungsängstlichen Hund.

Hund lässt sich nicht anfassenUrsachen für Berührungsangst

Es kann vielerlei Gründe geben, weshalb sich ein Hund nicht oder nur ungern anfassen lässt. Nachfolgend sind einige der Ursachen aufgeführt:

  • Naheliegend sind schlechte Erfahrungen mit Menschen. Ein Hund, der misshandelt wurde oder anderweitig negative Erlebnisse mit Menschen hatte, kann sein ganzes weiteres Leben Probleme damit haben, berührt zu werden.
  • Mangelnde Sozialisierung. Der Welpe hat in seiner Sozialisierungsphase nichts oder nur wenig mit Menschen zu tun gehabt.
  • Lässt sich der Hund plötzlich nicht mehr anfassen und zuckt bei Berührungen gar zusammen, sind sehr wahrscheinlich Schmerzen die Ursache. Ich rate dir in diesem Fall einen Tierarzt aufzusuchen.
  • Körperliche Gewalt in der Erziehung. Man mag es kaum glauben, aber es gibt sie noch immer, die Anhänger von Teletakt und Stachelhalsbändern und diejenigen, die zur Bestrafung auf den Rücken schlagen, an den Ohren ziehen, in die Seite kneifen usw. Hier bedarf es wohl keiner weiteren Erklärung, warum ein auf diese Weise „trainierter“ Hund sich nicht (mehr) anfassen lässt. 

Dein Hund lässt sich nicht anfassen – das kannst du tun

„Was soll ich mit einem Hund anfangen, der sich von mir nicht anfassen lässt?“ Wenn du dir diese Frage stellst, kann ich das durchaus nachvollziehen. Ich gehe mal davon aus, dass die meisten, die sich einen Hund wünschen, auch Körperkontakt zu ihn aufbauen wollen. Doch hier kann ich dich beruhigen, denn mit Ruhe, Geduld, gezieltem Training und der richtigen Einstellung besteht durchaus eine Chance, dass sich ein Hund (wieder) gern streicheln lässt. In einer solchen Situation war ich selbst und kann dir heute sagen: Es funktioniert.

Genau wie in einer menschlichen Beziehung, muss zunächst erst einmal Vertrauen auf beiden Seiten aufgebaut werden. Du musst Geduld haben, denn gerade bei einem ängstlichen Hund geschieht das nicht von heute auf morgen.

  • Suche immer wieder den Kontakt zu deinem Hund. Gehe dabei sehr behutsam vor. Rücke ihm nicht zu dicht auf die Pelle. Sprich ihn mit ruhiger Stimme an. Wenn er zu dir schaut, wirf ihm ein Leckerchen zu. Wiederhole das immer wieder.
  • Geht der Hund schon einen oder mehrere Schritte auf dich zu, belohne dies. Nun kannst du deine Taktik verändern. Wirf ihm das Leckerli nicht mehr zu, sondern behalte es in der Hand und animiere ihn, deiner Hand zu folgen. Führe das Futter ein Stück in deine Richtung. Es kommt der Tag, an dem dein Hund aus deiner Hand fressen wird.
  • Füttere den Hund immer weiter zu dir heran. Ist er ganz nah bei dir, kannst du die Hand so halten, dass er daraus frisst und er dabei ganz sanft von der Hand berührt wird. Kann er das aushalten? Sehr gut, lobe ihn! Auf diese Weise kannst du dich in kleinen Schritten im wahrsten sinne des Wortes an den Hund herantasten.

Vielen Hunden bereitet allein die bewegende menschliche Hand Angst. Teste nun daher einmal folgende Variante aus:

  • Lasse deine Hand bei dir. Bewege sie nur langsam auf und ab. Beobachte dabei deinen Hund. Bleibt er entspannt, lobe und/oder belohne ihn. Zeigt er Stressanzeichen, war er mit dieser Übung bereits überfordert und ihr müsst einen Schritt zurückgehen.
  • Du kannst diese Übung schrittweise ausbauen, indem du mehr und mehr deine Hand in Richtung des Hundes bewegst. Aber bitte langsam und ruhig und keine hektischen Bewegungen.

Wenn dein Hund soweit ist, und sich für kurze Zeit berühren oder gar streicheln lässt, ist das bereits ein Riesen-Erfolg. Ich empfehle dir, an dieser Stelle ein Signal einzuführen, das die Berührung ankündigt. Dazu denkst du dir ein Wort aus, das du mit ruhiger, entspannter Stimme sagst, während du deinen Hund streichelst. Nach einige Wiederholungen hat der Vierbeiner das Signal gelernt. Er weiß nun, was kommt, wenn er es von dir hört.

Übe täglich und dehne die Zeit und die Intensität der Berührungen in kleinen Schritten immer weiter aus.

Was du unbedingt beachten solltest

Für alle vorgeschlagenen Übungen gilt: Du kannst nichts erzwingen. Auch wenn der Hund in der ersten Zeit keine Anstalten macht, zu dir zu kommen. Es kann außerdem durchaus sein, dass er kein Futter annimmt. Das musst du erst einmal so hinnehmen – und weiter dran bleiben.

Achte auch genau auf deine eigene Körpersprache. Begib dich auf Augenhöhe zu deinem Hund. Wenn du z. B. einen kleinen bis mittelgroßen Hund hast, gehe in die Hocke. Lasse dabei den Oberkörper gerade und die Hände bei dir. Ein nach vornüber gebeugter Oberkörper wirkt sehr wahrscheinlich bedrohlich auf den ohnehin ängstlichen Hund, und das ist genau das Gegenteil von dem, was du erreichen möchtest.

Die Entscheidung, ob und wann es Zeit für den nächsten Trainingsschritt ist, liegt allein beim Hund! Das solltest du akzeptieren. Es stärkt das Vertrauen wenn der Hund merkt: Ich werde nicht gezwungen, ich kann mir Zeit lassen und es ist nicht schlimm, wenn ich nicht mitmache.

Bobby, ein Hund mit Vergangenheit

Wenn du meinen Blog verfolgst, weißt du, dass unser Bobby ein ehemaliger rumänischer Straßenhund ist, wir mit ihm so unsere Baustellen hatten und zum Teil auch noch haben. Die Angst vor Berührungen gehört dazu.

Ich erinnere mich an den Tag, als wir ins Tierheim fuhren, um Bobby kennenzulernen. Neugierig kam er an den Zaun des Auslaufgeheges, als er uns sah. Doch nachdem eine Tierpflegerin ihn uns überlassen hatte, wollte er von uns nichts wissen. An der gesamten Körpersprache des Hundes konnte ich jedoch ausmachen, dass er Angst hatte. Trotzdem schaffte ich es an diesem Tag, dass der Hund sich von mir leicht berühren ließ. Die Beziehung zwischen Bobby und mir war vom ersten Augenblick an eine ganz besondere.

Aber damit war es längst nicht getan. Bobby zeigte in den ersten Wochen immer wieder ängstliches bis aggressives Verhalten. Streicheln durfte nur ich ihn. Wollte mein Mann ihn berühren, hat er geschnappt. Uns war klar, dass sich dieser Zustand nur durch langfristiges kontinuierliches Arbeiten verbessern würde.
So arbeiteten wir mit Bobby, machten die Übungen, die ich im vorherigen Abschnitt beschrieben habe. Wir gestalteten den Umgang mit Bobby so, dass er viele Erfolgserlebnisse und ein gutes Lebensgefühl hatte. Bobby gewann dadurch immer mehr an Selbstvertrauen. Er baute nach und nach seine Berührungsängste ab und suchte nach einer Weile von sich aus den Körperkontakt zu uns.

Wenn ein Hund sich nicht oder nur ungern anfassen lässt, besteht ein weiteres Problem: Die Körperpflege und die medizinische Versorgung. Ein Tierarztbesuch mit Bobby nach sechs Monaten war nicht nur für den Hund der reinste Horror. Da musste sich etwas ändern. Ich gewöhnte Bobby an einen Maulkorb und übe immer wieder, auch unangenehme Berührungen auszuhalten. Hier gibt es im Bereich der positiven Verstärkung viele Ansatzpunkte. Dazu gehören das Aushalten unangenehmer Berührungen zu belohnen oder die Berührung anzukündigen.

Heute, nach zwei Jahren mit Bobby, kann ich sagen, dass wir schon ein sehr großes Stück des Weges hinter uns gelassen haben. Wir sind allerdings noch nicht am Ziel angekommen. Bobby lässt sich zwar von uns anfassen, Fremde lässt er jedoch nach wie vor nicht an sich heran. Manchmal kippt seine Stimmung von einer Minute auf die andere. Eben sucht er noch den Kontakt zu mir, ich streichle ihn und im nächsten Moment springt er auf, schnappt in die Luft und jault. Doch wir haben gelernt, damit umzugehen. Wenn er nicht gestreichelt werden will, dann muss das auch nicht sein.

Schlusswort

Wenn ein Hund sich nicht anfassen lässt, braucht man sehr viel Geduld und Durchhaltevermögen im Training. Doch dies macht sich irgendwann bezahlt. Ich kenne Bobby, wie er am Anfang war und ich sehe Bobby jetzt. Woher nehme ich die Kraft, die Ausdauer, die Geduld? Es ist meine Einstellung. Ich sehe es als meine Aufgabe, meinem Hund zu helfen, und es ist die Liebe zu meinem Hund, die mich antreibt.

Hast du auch einen Hund, der sich nicht gern anfassen ließ oder immer noch lässt? Wie gehst du damit um? Verrate es mir gern in einem Kommentar.

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