4

Me and Bobby – Unsere Geschichte Teil 5

Im Herbst 2017 habe ich beschlossen, die Geschichte von mir und meinem Hund Bobby aufzuschreiben und eine mehrteilige Blogartikelreihe daraus zu machen.

Wenn du noch einmal nachlesen möchtest, was bisher geschehen ist oder du etwas verpasst hast, findest du hier eine Übersicht über alle Texte dazu.


Berührungsangst

Das kalte Wetter der letzten Wochen lässt mich an einen Tag im Sommer 2018 zurückdenken. Bei den Zweibeinern war Gartenarbeit angesagt. Während ich auf dem Boden hockte und Unkraut zupfte, spürte ich plötzlich, wie sich etwas Weiches unter meinem Arm hindurch schob. Ich drehte mich in die Richtung, um nachzusehen, wer mich da von der Arbeit abhalten wollte. Der „Störenfried“ war Bobby, der mich sanft aber bestimmt anstupste, als ob er sagen wollte: „Frauchen, du brauchst dringend eine Pause, und ich werde sie dir versüßen!“ Selbstverständlich bin ich der Bitte meines Hundes nachgekommen, habe meine Gartenwerkzeuge beiseite gepackt und mich erst einmal mit ihm beschäftigt. So viel Zeit muss sein, die Arbeit läuft mir schließlich nicht weg. 

Nun denkst du vielleicht: „Ja schön, aber das ist doch nichts  Außergewöhnliches, worüber man in einem Blogartikel berichten muss. Doch bei einem Hund wie Bobby ist es schon etwas ganz Besonderes, wenn er von sich aus ankommt und Körperkontakt sucht. Vor knapp vier Jahren wäre ein solches Szenario undenkbar gewesen. Als Bobby bei uns einzog, hatte er extreme Berührungsangst. Ihn anzufassen war immer mit dem Risiko verbunden, dass er nach der Hand schnappte. 

Der eigene Hund lässt sich nicht anfassen – was macht das mit uns? 

Über Bobbys Berührungsängste habe ich ja schon öfter auf meinem Blog geschrieben. Meine Ausführungen bezogen sich allerdings meistens auf das Training. Doch wenn der eigene Hund sich nicht gern Streicheln lässt, löst das auch Emotionen beim Menschen aus.Nahezu jeder, der sich für einen Hund entscheidet, möchte auch Körperkontakt zu seinem Vierbeiner aufbauen.

Von Rica waren wir in dieser Hinsicht verwöhnt. Täglich holte sie sich ihre  Streicheleinheiten ab und genoss es, neben uns auf dem Sofa zu liegen. Bei Bobby hingegen war Vorsicht angebracht. Jede Bewegung und jede Berührung musste wohl durchdacht sein, wollten wir nicht mit unangenehmen oder schmerzhaften Konsequenzen leben. Mit dieser Tatsache galt es erst einmal zurechtzukommen. 

Selbstverständlich war uns klar, dass der Hund sich nicht aus Boshaftigkeit gegen Berührungen wehrte. Doch ich gebe ehrlich zu, dass wir uns gerade in besonders schwierigen Zeiten manchmal die Frage stellten, was wir mit einem Hund anfangen sollen, der sich nicht gern anfassen lässt, von uns nichts wissen will und uns vielleicht sogar nur als Futterspender auf zwei Beinen sieht? 

Trotz allem konnte ich mich erstaunlich gut mit der neuen Situation arrangieren und stellte mich der Herausforderung, Bobby die Angst vor dem Anfassen zu nehmen. In Mini-Schritten gewann ich Bobbys Vertrauen. So konnte ich ihn bereits nach wenigen Tagen leicht an der Schulter berühren. Das Anleinen klappte auch schon recht gut. 
Bei meinem Mann ging es nicht ganz so schnell. Bobby war misstrauischer, aber auch er und Bobby näherten sich langsam an.

Berührungsangst beim Hund

Ein herber Rückschlag

Bobby war etwa zwei Monate bei uns, als sich das Blatt wendete – zum Negativen. Zum ersten Mal seit Bobbys Einzug bekamen wir Besuch. Die Abläufe an diesem Tag waren auch für den Hund nicht wie sonst. Fremde Menschen im Haus, es war lauter und unruhiger, und ich konnte meine Augen und Ohren nicht überall haben. Bobby war mit der Situation sichtlich überfordert und ab diesem Zeitpunkt wie ausgewechselt. Meinem Mann ging Bobby von nun an entweder aus dem Weg oder zeigte ihm gegenüber aggressives Verhalten. Auch ich musste mehrfach erleben, wie seine Stimmung von einer Minute zur anderen kippte und er plötzlich nach mir schnappte. 

Dann kam jener Abend, den ich wohl niemals vergessen werde. Mein Mann besuchte an diesem Tag ein Fußballspiel und kam gut gelaunt nachhause. Er machte es sich auf dem Sofa bequem – neben Bobby. Ich weiß heute nicht mehr, was genau der Auslöser war. Jedenfalls sprang Bobby plötzlich auf, schrie und schnappte meinem Mann so heftig in die Hand, dass sogleich Blut floss. Nachdem ich die Wunde versorgt hatte, diskutierten wir lange. Ich spürte seine Verzweiflung. Mein Mann liebt Hunde genauso sehr wie ich und es machte ihn sichtlich traurig, dass er an Bobby nicht herankam. Ich war hin- und hergerissen. Mir war Bobby, trotz der Schwierigkeiten (oder vielleicht gerade deshalb) schon richtig ans Herz gewachsen. Ich konnte aber auch meinen Mann verstehen, der an diesem Abend äußerte, dass er mit dem Hund nicht klar kommt. So konnte es nicht weitergehen.

In der darauffolgenden Nacht konnte ich nur schlecht schlafen. Meine Gedanken kreisten nur um den Hund. Je länger ich nachdachte, desto bewusster wurde mir, dass ich der Schlüssel zur Veränderung sein würde, denn zu mir hatte der Hund das meiste Vertrauen. Keine leichte Aufgabe, die da auf mich zukam.

Empathie für Mensch und Hund

Empathie bedeutet, sich in die Lage eines anderen hineinversetzen zu können und Verständnis für ihn und sein Verhalten zu entwickeln. Ich erkannte, dass ich zwischen meinem Mann und Bobby vermitteln musste. Meine größte Angst war, dass wir Bobby nicht behalten konnten. Das wollte ich um jeden Preis verhindern. Ich habe einen starken Willen und Aufgeben ist so schnell nicht. Von dieser Einstellung konnte ich schließlich auch Bobbys Herrchen überzeugen.

Wir arbeiteten in den nächsten Wochen sehr intensiv gemeinsam mit Bobby. Ich hatte mir zu der Zeit schon ein sehr gutes Wissen über Hundeverhalten aufgebaut. So konnte ich erkennen, dass es durchaus Momente gab, in denen Bobby den Kontakt zu meinem Mann suchte. Daran setzten wir schließlich an. 
Parallel dazu beschäftigten wir uns sehr ausführlich mit den Lebensumständen von Straßenhunden in Rumänien. Das war ein wichtiger Baustein in unserer gesamten Arbeit mit Bobby, denn so konnten wir beide endlich verstehen, warum Bobby sich so verhielt, wie er es tat und konnten dem ganzen mit einer ganz anderen Einstellung begegnen.

Doch die Berührungsangst von Bobby brachte uns noch ein anderes Problem. Was war, wenn er mal zum Tierarzt muss? Wir beschlossen, uns für eine gewisse Zeit von einer Trainerin begleiten zu lassen. Es ist nie verkehrt, auch einmal einen Außenstehenden mit ins Boot zu holen.

Auch diese Zwei Monate waren enorm wichtig. Insbesondere meinem Mann wurde durch die Arbeit mit der Trainerin so einiges klar. Sie machte ihm deutlich, dass bei Tierschutzhunden häufig Männer das Nachsehen haben. Ich konnte durch die Trainingseinheiten selbst noch eine Menge dazulernen.
Das war im Frühjahr 2016. Wir hatten das Schlimmste überstanden. Von nun an ging es stetig bergauf.

Heute liebt Bobby es, gestreichelt zu werden

Schlusswort

Auch wenn wir schwierige Zeiten hinter uns haben, hat sich die viele Mühe aus heutiger Sicht mehr als gelohnt. Bobby machte kontinuierliche Fortschritte, und das Schnappen gehört seit langem der Vergangenheit an. Ja, es ist möglich, dass ein berührungsängstlicher Hund sich eines Tages gern streicheln lässt und von sich aus „Kuschelzeien“ einfordert. Das ist kein leichter Weg, aber auch hier kommt es sehr auf die Einstellung an. Wir wollten es schaffen, Bobby in unser Leben zu integrieren. Im Nachhinein betrachtet haben mich die schwierigen Zeiten mit Bobby sogar noch gestärkt.

Hast du mit deinem Hund auch ähnliches erlebt? Dann berichte mir gern darüber in einem Kommentar.

Nachfolgend kannst du einen Kommentar hinterlassen 4 Kommentare